Ulfried Geuter stellt  zehn Grundprinzipien für die körperpsychotherapeutische Praxis dar, die den Geist, den Grund und die Intention, aus der heraus sich das Vorgehen gestaltet, beschreiben. An Hand von Therapiebeispielen aus seiner eigenen Praxis werden die Prinzipien lebendig. Er stellt sich als Person zur Verfügung, hier im Buch wie in seiner Praxis und vermittelt so einen lebendigen Einblick in seine therapeutische Arbeit.

Der Ansatz ist prozessorientiert: der Patient macht neue emotionale Erfahrungen, die ihm helfen, seine dysfunktionalen Muster des Erlebens und Verhaltens zu verändern. Prozessziele können unter anderem sein, sich selbst besser wahrzunehmen, einen Konflikt in einem Rollenspiel zu klären oder überschießende Affekte zu regulieren. Sie helfen, die (psychotherapeutischen) Ziele des Patienten zu erreichen.

Zur Beschreibung der zehn Prinzipien zieht er Literatur aus allen Richtungen der Körperpsychotherapie hinzu, so dass sich sowohl die KBT-Therapeutin als auch der Bioenergetiker dort wiederfinden können.

Übergeordnete Prinzipien der Psychotherapie wie Klärung und Konfrontation, Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte oder Lernen durch wiederholte Erfahrung finden in der Körperpsychotherapie ihre Anwendung, ebenso wie die Orientierung am Prozess und am Erleben. Zehn verfahrensspezifische Prinzipien beschreibt er in einzelnen Kapiteln: (1) Wahrnehmen und Spüren, (2) Gewahrsein und Gegenwart, (3) Erkunden und Entdecken, (4) Aktivieren und Ausdrücken, (5) Regulieren und Modulieren, (6) Zentrieren und Erden, (7) Berühren und Halten, (8) Inszenieren und Interagieren, (9) Verkörpern und Handeln und (10) Reorganisieren und Transformieren.

Atmen und Bewegen sind nicht in einem eigenen Prinzip benannt, Geuter betrachtet sie als Aspekte des Erlebens körperlicher Funktion. Hier hat die KBT einen anderen Begriff von Bewegung, der sowohl körperliche als auch seelische Bewegung umfasst und damit ein Prinzip verdient hätte.

Ein Kapitel ist der (Einzel-)Therapiestunde gewidmet. Für Geuter beginnt die Stunde in der Regel im Gespräch, ein Wechsel zu körperbezogener Arbeit entsteht im Prozess.  Das Setting kann variieren vom Sitzen zum Stehen, Gehen oder Liegen. Der Raum und vielfältige Gegenstände können einbezogen werden.

Erleben und Erfahren sind in der Therapie von grundlegender Bedeutung, genauer: ein mit Bedeutung versehenes emotionales Erleben ist Schlüssel für Veränderung. Vertieftes Erleben ist ein Weg des Zugangs zu unbewussten Mustern, Selbsterleben erfolgt über das Körpererleben. Mit neuen Erfahrungen in der Therapiestunde können alte Muster korrigiert und die Fähigkeit zur Selbstregulation und Selbstreflexion verbessert werden.

Geuter wendet sich vehement gegen die Bezeichnung ‚nonverbale’ Therapie und setzt dagegen eine verkörperte erlebnisfördernde Sprache. Es geht ihm um den Prozess des gemeinsamen Suchens nach der Be-Deutung von Erfahrungen, nicht nach Deutung durch den Therapeuten. Er empfiehlt, Metaphern zu verwenden, Verben zu nutzen, die oft eine körperliche Anmutung haben, Fragen zu stellen (was lange in der Therapie verpönt war). Dieses Kapitel ist für mich erfrischend, da ich meine oft eher intuitive Praxis des therapeutischen Sprechens systematisch zusammengefasst und bestätigt finde.

Ein ausführliches Kapitel über die therapeutische Beziehung greift Ergebnisse der Psychotherapieforschung auf, wonach die Beziehung stärker wirkt als die angewandte Methode. Die Beziehung wird in der Körperpsychotherapie als verkörperte Begegnung von Subjet zu Subjekt verstanden, die vom Therapeuten Präsenz, Kontakt und differenzierte Rollenübernahme verlangen. Die Körperpsychotherapeutin sei wie eine ‚Hebamme, die hilft, ein Kind auf die Welt zu bringen, das von selbst kommt’, sie begleitet aktiv, sie braucht den Mut, zum richtigen Zeitpunkt in einen autonomen Prozess einzugreifen.

Das Buch wird abgerundet durch zwei Kapitel, die sich mit Wirkfaktoren und Wirkungen der Körperpsychotherapie beschäftigen.

Zusammenfassend kann ich dieses umfangreiche Kompendium der körperpsychotherapeutischen Praxis empfehlen, vor allem für ärztliche und psychologische approbierte Psychotherapeuten, die die Körperpsychotherapie in ihrer Praxis kreativ anwenden möchten. Zwei Mängel tun sich für mich auf: einerseits fehlt die Praxis der körperpsychotherapeutischen Gruppenarbeit völlig. Andererseits fehlt der Blick auf die Arbeit der in der Regel nicht approbierten Körperpsychotherapeuten in der Klinik. Sie können sicherlich von den zehn Prinzipien profitieren, aber in den fokussierten Kurzzeitbehandlungen in der Klinik muss das prozessorientierte Arbeiten sehr modifizieren werden.

Insgesamt ist das Buch ein großer Schritt auf dem Weg, für die verschiedenen Schulen eine gemeinsame Sprache zu finden.

Geuter Ulfried (2019) Praxis Körperpsychotherapie – 10 Prinzipien der Arbeit im therapeutischen Prozess. Springer Verlag, Heidelberg, ISBN 978-3-662-56595-7, 508 Seiten, € 49,99

Karin Schreiber-Willnow

Eine ausführliche Rezension findet sich in der Zeitschrift Psychotherapeut 2019, 64(4), 349-352: „Verkörperte Begegnung von Subjekt zu Subjekt“.

Der Artikel steht auch elektronisch unter seinem DOI zur Verfügung:
http://link.springer.com/article/10.1007/s00278-019-0356-y

Nähere Informationen zur internationalen Fachtagung des DAKBT und EAKBT können Sie dem Programmheft entnehmen.

Jahrestagung 2019

 

 

Die Herausgeber haben mit diesem Buch ein umfangreiches praxis-relevantes Grundlagenwerk zur stationären Psychotherapie vorgelegt, das in vier große Abschnitte eingeteilt ist.

Im ersten Abschnitt werden allgemeine Fragen und Themen der stationären psychotherapeutischen Behandlung diskutiert. Darin enthalten sind die gesellschaftliche Relevanz, theoretische Orientierungen und Behandlungskonzepte, aber auch Wirkungen und Nebenwirkungen stationärer Psychotherapie.

Der zweite Abschnitt befasst sich mit der Komplexität der stationären Behandlung in den verschiedenen therapeutischen Spezifizierungen und geht dabei besonders auf das multiprofessionelle Behandlungsteam mit seinen unterschiedlichen diagnostischen und koordinierenden Funktionen ein.

Im dritten Abschnitt werden die strukturellen Rahmenbedingungen einer stationären Behandlung diskutiert. Diese beinhalten Indikationsstellungen, Vorgespräche, Therapieverträge, Zielvereinbarungen und Therapieplanungen, das Setting von Einzel- und Gruppentherapien, Diagnostik und Dokumentation, Supervisionskonzepte, bis hin zum Entlassmanagement.

Der vierte - etwas kürzere Abschnitt - geht auf die ökonomischen Grundlagen und betriebswirtschaftlichen Aspekte, sowie die daraus resultierenden Leistungsanforderungen an einen Klinikbetrieb und deren Mitarbeiter*innen ein.

Für die Körperpsychotherapie ist das Kapitel „Bewegen und Wahrnehmen - Körperorientierte Therapien“ von Michael Hölzer und Norbert Heck ( S. 223 - 244) zu erwähnen, in dem besonders die Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) und die Integrative Bewegungstherapie (IBT) als klinisch relevante körper- und bewegungstherapeutische Verfahren herausgestellt und anhand von Fallbeispielen erläutert werden. Dabei werden von den Autoren die Gemeinsamkeiten dieser beiden Ansätze betont. Für die KBT ist der offene Angebotscharakter und das situative therapeutische Vorgehen gesondert benannt. Die Ziele der KBT in der stationären Psychotherapie werden zusätzlich anhand von Informationen für Patient*innen übersichtlich dargestellt.

Das Buch ist für alle Beschäftigten in der stationären Psychotherapie der psychosomatischen oder psychiatrischen Kliniken eine grundlegende Orientierungshilfe und ermöglicht ein vertieftes Verständnis für die multiprofessionelle Zusammenarbeit in Organisationen. Theoretische und methodische Aspekte sind anhand von Fallbeispielen vertieft, so dass es sehr praxisnah orientiert und damit verständlich zu lesen ist. Es ist besonders den Kolleg*innen zu empfehlen, die sich neu in den klinischen Alltag einarbeiten. Umfangreiche Literaturangaben zu den Abschnitten ermöglichen eine Vertiefung zu allen Inhalten dieses Grundlagenwerkes.

627 Seiten, 79,99 €
ISBN 978-3-608-43289-3
Schattauer Verlag Stuttgart627 Seiten, 79,99 €

Verfasserin: Ute Backmann

Bei strahlendem Herbstwetter konnte die 42. Jahrestagung des DAKBT am 11.10.2018 eröffnet werden. Schon zum zweiten Mal fand die Tagung im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden statt.
Im Namen des Vorstands begrüßte Ute Backmann die 99 angereisten Teilnehmer*innen und bedankte sich beim Vorbereitungsteam Christa Baier, Dorothea Carl-Sulz, Birgit Engelhardt-Ottl, Anke Hamacher-Erbguth, Susanne Kollmar und Katharina Pfaller, sowie den Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle Birgit Rosa und Uschi Schönberger.

2018 Ute Backmann
Ute Backmann
2018 Vobe Gruppe
B. Engelhardt-Ottl, A. Hamacher-Erbguth, S. Kollmar, C. Baier, D. Carl-Sulz
 

Das Vorbereitungsteam stellte sich humorvoll mit seinen „verschiedenen Identitäten“ vor – Mütter, Schwestern, Selbständige, Frauen, Mitglieder und Therapeutinnen – und stimmte so direkt auf das Tagungsthema „Identität als lebenslanger Prozess“ ein: Das eigene Identitätsgefühl, was eine Person individuell ausmacht, wie Identität mit anderen verbindet und wie diese Identitäten entstehen.


Christa Baier stellte für die Tagung eine intensive und vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Thema in Aussicht.

2018 Ch.Baier
Ausgehend von entwicklungspsycho-logischen Fragestellungen der frühen Kindheit bis zur Altersphase, von soziologischen Aspekten und deren Auswirkungen bis hin zu Störungen der Identität und natürlich der Bedeutung von körperbezogenen Angeboten zeigte sich in den Vorträgen und Workshopthemen die hohe Bedeutung und die Komplexität des gewählten Tagungsthemas.

Über die Ursachen kollektiver Selbstentfremdung, die zur „normopathischen Gesellschaft“ führen referierte Hans-Joachim Maaz, Publizist und ehemaliger Chefarzt der Klinik für Psychotherapie / Psychoanalyse in Halle/ Saale zum Auftakt der Jahrestagung.

2018 Hans Joachim Maaz
Sein Vortrag bot durch seine Erfahrungen in den politischen Systemen der BRD und der DDR vor und nach der Wende besondere Einblicke in die sich durch soziologische und gesellschaftliche Faktoren ergebenden Identitäten und Identitätsstörungen. Hans-Joachim Maaz beleuchtete die Zusammenhänge zwischen individueller Identität und gesellschaftlicher Identität und die Herausforderung, das eigene Leben in diesem Wechselspiel zu gestalten.

Er berichtete von seinen Forschungen über frühe Beziehungserfahrungen, die er nach mütterlichen und väterlichen Qualitäten differenziert und dementsprechend „Mütterlichkeitsstörungen“ oder „Väterlichkeitsstörungen“ als Auslöser oder Ursache für spätere Identitätsstörungen sieht. Diese Auswirkungen beschrieb Hans-Joachim Maaz als den Ausgangspunkt für narzisstische Problematiken, die letztendlich zu einer narzisstischen – normopathischen- Gesellschaft führen, die durch Leistung, Betäubung oder Ablenkung die Störungen kompensiert.Da oftmals nur über die Körperwahrnehmungen ein Anschluss an die Erfahrungen der präverbalen Zeit gelingen könne, stellte der Referent die Bedeutung der Körperpsychotherapie heraus.
Nach dem Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über Rollenverteilungen, Betreuungsformen von Kleinkindern und die Aufgaben der psychotherapeutischen Vereinigungen.


2018 Sabine Wessendorf
Die Morgeneinstimmung am Freitag und Samstag wurde von Sabine Wessendorf übernommen.

Der Referent des Vortrags am zweiten Tagungstag, Thomas Harms, Diplom-Psychologe aus Bremen, leitet das dortige Zentrum für primäre Prävention und Körperpsychotherapie ZePP, sowie die Schreiambulanz. Er entwickelte mit der EEH (Emotionelle Erste Hilfe) eine körperbasierte Intervention für die Eltern-Säuglings-Therapie. Dieser Ansatz unterstützt Eltern und Kindern bei Schwierigkeiten in ihren frühen Interaktionen durch den Einsatz von Körperspannung und Atmung.

In seinem Vortrag über bindungsorientierte Körperpsychotherapie und die daran anschließenden Möglichkeiten für die Erwachsenenpsychotherapie stellte Thomas Harms die frühesten Regulationsprozesse in den Mittelpunkt. Mit Hilfe von Videobeispielen aus seiner Praxis wurde eindrucksvoll veranschaulicht, wie die Körperspannung bei Babys als Bindungsversuch im Sinne von Stabilisierung und Haltsuchen wahrgenommen werden kann. In den Filmausschnitten und den fesselnden Ausführungen von Thomas Harms wurde insbesondere auch die Rolle der Atemregulation als Signal für Bindungssicherheit deutlich gemacht.

2018 Thomas Harms
Die Beobachtungen aus der Eltern-Baby-Therapie unterstützen die Bedeutung des Körpererlebens als Folge von Bindungserfahrungen in der pulsatorischen Dynamik von Selbstbeziehung und Weltbeziehung für den Therapieprozess von Erwachsenen. Um die körperbasierte Selbstanbindung der Patienten auf unterschiedlichen Ebenen des Körperselbsterlebens anzuregen, können hier Therapeuten - ähnlich wie Eltern - in der

Funktion eines stellvertretenden emotionalen Regulationssystems stehen. Anknüpfungspunkte gibt es auf der Suche nach den körperlichen Ausdrucksformen, die die frühen Erfahrungen widerspiegeln und deren Modifikation, in dem in der Körperpsychotherapie die Patienten dabei unterstützt werden, die Fähigkeit zur körperlichen Selbstbeobachtung weiter zu entwickeln, das eigene Regulationssystem auszubauen, Erregung zu modulieren und Entspannungszustände zu erleben. Die Zuhörerschaft war von den durch Thomas Harms vermittelten Parallelen des kindlichen und erwachsenen Körperausdrucks und -erlebens fasziniert und dankte mit langem Applaus.
Im anschließenden Vertiefungsworkshop demonstrierte Thomas Harms seine Arbeitsweise unterstützt von einer Teilnehmerin. Die selbstberuhigende Wirkung der Atemregulation konnten alle Anwesenden anschließend in einer geleiteten Selbsterfahrung zu zweit erproben.


Sehr gut besucht wurden am Freitagnachmittag wieder die offenen Angebote.
Beim philippinischen Tanz „Eskrima“ erprobten die Teilnehmer*innen angeleitet von Beate Rombach Grenzen und Raumerfahrung mit dem Rattanstock in der freien Natur. Intensive und spielerische Momente im unmittelbaren Kontakt konnten die Teilnehmer*innen bei einer Einführung in den Tango Argentino mit Claudia Krüger erleben. Welche Möglichkeiten das gemeinsame Tanzen des Tango Argentino zur therapeutischen Bearbeitung grundlegender Paarthemen bietet, wurde in einem dritten offenen Angebot von Gunhild Patzwaldt und ihrer Kollegin Eliane Riegner lebendig vermittelt.

2018 Rombach
B. Rombach
2018 Claudia Krüger
C. Krüger
2018 G.Patzwald E.Rieger Tango
E. Riegener, G. Patzwald

Auf der Generalversammlung des EAKBT (Europäischer Arbeitskreis für KBT) am Freitag berichtete Maria Steiner als Delegierte des DAKBT im EAKBT über das Treffen der EAP (european association for psychotherapy) in Wien.

2018 Steiner EAKBT
In allen Verbänden soll mehr für den Erwerb des ECP (european certificate of psychotherapy) geworben werden. Erfreulicherweise hat die KBT infolge der Forschungsarbeiten im DAKBT einen hohen Bekanntheitsgrad im EAP und EABP (european assocation for body-psychotherapy) und ist sehr anerkannt. Maria Steiner wurde einstimmig zur neuen Präsidentin des EAKBT gewählt, nachdem Claudia Roth vom Schweizer CHKBT um Ablösung in ihrem Amt gebeten hatte.

Der Freitagabend bot eine märchenhafte Überraschung: – das Vorbereitungsteam konnte die Märchenerzählerin Gudrun Rathke aus Frankfurt gewinnen. Frau Rathke schlug die zahlreichenden Anwesenden mit ihrer Erzählfreude und Spielkunst in ihren Bann. Das Publikum ließ sich von den fein gesponnenen Geschichten auf die Identitätssuche und die Wandlungsprozesse der Protagonisten in verschiedenen Märchen mitnehmen und verzaubern, anrühren und zum Lachen bringen und bedankte sich begeistertem Applaus bei Frau Rathke und dem Vorbereitungsteam.


Wolfgang Wöller, langjähriger Leiter der Rhein-Klinik Bad Honnef und Initiator eines Projekts zur Traumahelferausbildung in Ruanda, referierte am Samstag zum Thema ressourcenbasierte Beziehungsgestaltung bei Patienten mit traumabedingten Störungen der Identität.

2018 W.Wöller
Ausgehend von seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz in der Arbeit mit Patienten mit schweren Borderline-Persönlich-keitsstörungen und schweren dissoziativen Störungen stellte er dar, wie die Beziehungsgestaltung bei Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen häufig durch deren unbewusste Assoziation von relativ normalen Alltagsereignissen mit Traumatisierungsmustern aus der Kindheit belastet ist. Dieser Traumaaspekt und die

durch ein verstärktes Bedrohungserleben charakterisierte Wahrnehmung werden laut Wolfgang Wöller in der Therapie für Borderline-Patienten bisher zu wenig beachtet. Die Identitätsstörungen in Verbindung mit unbewusst aufgeladenen Alltagsstimuli zeigen sich unter anderem in undifferenzierten Affektzuständen, die starke Spannungszustände zur Folge haben welche wiederum durch die Patienten als Lösungsversuch mit selbstschädigendem Verhalten beantwortet werden. In seiner Beschreibung eines phasenorientierten Therapiekonzepts betonte der Referent die Wichtigkeit von antiregressiven Beziehungsangeboten durch Zusammenarbeit mit der Erwachsenenebene der funktionalen Alltagspersönlichkeit des Klienten als Grundlage der therapeutischen Arbeitsbeziehung. Aufgabe des Therapeuten ist hier eine externe Emotionsregulation durch reale Präsenz, transparente Handlungen und das Schaffen von Sicherheit und Kontrollerfahrungen für die Patienten. Dies fordert ein verlangsamtes Vorgehen um den Erwachsenenanteil der Patienten zu fördern und nicht zu überfordern.

2018 Publikum
Die Vortragszeit reichte nicht aus, um mit dem spannenden Thema zu Ende zu kommen. In der anschließenden Diskussion wurden vor allem Anwendungsmöglichkeiten für die Gruppentherapie diskutiert.

Am Samstagnachmittag fand die gut besuchte Mitgliederversammlung des Vereins statt. Alle Arbeitsgruppen und Gremien des DAKBT präsentierten ihre vielfältigen Aktivitäten. Unter anderem wurde das KBT-Video gewürdigt, das in YouTube und auf der Homepage die Arbeitsweise der KBT zeigt. Erfreulicherweise stellte sich eine neue Arbeitsgruppe vor, die das Format „KBT-Zukunftswerkstatt“ für Februar 2020 in der Rheinklinik vorbereitet.

2018 MV
2018 Zukunftswerkstatt
S. Kümmel, H. Süß, S. Wagner, A. Balcerzak, T. Pannek

2018 LB Verabschiedung
Der Vorstand berichtete von der Verabschiedung der vier Lehrbeauftragten Anemone Carl, Heidi Lechler, Birgit Kluck-Puttendörfer und Dorothée Schmitt in den Ruhestand und dankte ihnen noch einmal für die von ihnen wertvolle geleistete Arbeit.

Zum Festabend trafen sich wie jedes Jahr mit dem extra aus Freiburg angereisten DJ die tanzfreudigen Mitglieder des Vereins um ordentlich Glückshormone beim nahezu pausenlosen Tanzen auszuschütten. Die gute Stimmung und Bewegungsfreude der Anwesenden von wildem Hüpfen, Schütteln, orientalischen Tänzen bis hin zu Tango-Einlagen, lockten sogar die Gäste einer parallel im Haus stattfindenden Familienfeier an, die zum Teil begeistert mittanzten.


Den Schlussvortrag der Jahrestagung hielt am Sonntag Karin Schreiber-Willnow mit dem interessanten Titel „Brüche, Sprünge und Spiralen – Identitätsentwicklung in der zweiten Lebenshälfte“ Phänomenologisch näherte sich Karin Schreiber-Willnow zunächst den Brüchen, Sprüngen und Spiralen der zweiten Lebenshälfte und lud die Zuhörerschaft durch Wortspielereien, Zitate und eindrückliche Bildern ein, mit ihr auf eine Entdeckungsreise in diesen Lebensabschnitt zu gehen.

2018 K.Schreiber Willnow
Der Vortrag beleuchtete leichtfüßig und tiefsinnig Gegensatzpaare wie Sichtweisen des Alters als „Zumutungsprozess“ oder als „Entwicklungsaufgabe“ und Anforderungen im Alter von „Leben loslassen“ bis „Leben ausschöpfen“. Die Bedeutung des Körpers als „Organisator der Entwicklung“ oder „letzten Verbündeten“ schlug den Bogen zu körperorientierten Ansätzen und konkreten Erfahrungen mit KBT-Angeboten mit denen den Herausforderungen des Alterns

begegnet werden könnte. Was bisher nicht nötig war – zum Beispiel Hilfe anzunehmen - kann durch die KBT eine gute Erfahrung werden. Was jetzt so nicht mehr geht, kann anders gehen. KBT belebt und zeigt andere Wege auf– und die belebte und berührte Zuhörerschaft nahm den positiven Ausblick auf das Alter begeistert auf.

In sieben Workshops hatten die Teilnehmer*innen die Gelegenheit unterschiedliche Aspekte von Identitätsentwicklung und Identitätsstörungen zu vertiefen und mit KBT-Methoden zu untersuchen.

2018 Waltraut Betker WS 1
WS 1: „Spielen ist mehr als Spaß haben“ Waltraut Betker
2018 N.Freudenberg R.Brückl WS2
WS 2: „Ich Mann – Du Frau“ oder…? Nina Freudenberg und Roland Brückl
Epner
WS 3: „Therapeutische Identität im Prozess“ Martina Fuhrmann-Hüper und Anton Szugfil
2018 Kathinka Kintrup
WS 4: „Was gibt Halt in Identitätskrisen? Struktur!“ Kathinka Kintrup
Epner
WS 5: „Wege zur Entwicklung der eigenen Identität“ Silvia Maag
Ralf Nickel 2
WS 6: „Trauma und Identität- Und auf einmal ist alles anders“ Maria Steiner

 

Mit großem Beifall für das Vorbereitungsteam ging eine intensive und anregende Tagung zu Ende. Die nächste Jahrestagung wird vom 10. – 13.10.2019 wieder in Wiesbaden stattfinden.

Bericht: Susanne Kucher; Fotos: Manuela Engel

 

Andrea Plank-Matias und Marina Müller haben im neuen Buch von Karl Heinz Brisch (Hrsg.), „Die Macht von Gruppenbindungen“ (Klett Cotta 2018), einen Artikel zur Arbeit mit KBT in der Gruppe während der stationären Behandlung von früh traumatisierten Kindern veröffentlicht. Der Beitrag entstand aus einem Vortrag im Rahmen der internationalen Bindungskonferenz 2017 in Ulm, die „Die Macht von Gruppenbindungen“ zum Thema hatte. Auf der Konferenz wurde darüber referiert und diskutiert, wie Bindungserfahrungen in Gruppen, etwa der erweiterten Familie, im Kindergarten, der Schule, Peergroups, Berufsleben, Religionsgemeinschaften etc. als Ressource und emotionale Sicherheit erlebt werden, aber auch gestört sein können.
Dabei stellten sich Fragen wie: Welche Faktoren schützen? Wie entsteht Radikalisierung in Gruppen? Wie kann man neue, sichere Beziehungen in Gruppen aufbauen? Wie kann sich zu Adoptiv- und Pflegeeltern eine sichere Bindung mit einem Kind mit Gewalterfahrungen entwickeln? …

Der Beitrag von Marina Müller und Andrea Plank-Matias fokussiert die Fragestellung, wie neue, sichere Beziehungen in Gruppen trotz traumatischer Erfahrungen und früher Störung aufgebaut und gehalten werden können.
Dabei wird über die KBT-Arbeit in einer halboffenen Gruppe mit früh- und bindungsgestörten, traumatisierten Kindern und Jugendlichen im klinischen Setting berichtet. Die beschriebenen Beispiele aus den Gruppentherapien fanden im Rahmen einer umfassenden bindungsorientierten, psycho- und traumatherapeutischen Behandlung im milieutherapeutischen Setting statt. Die behandelten Kinder sind im Schnitt zwischen 8 und 14 Jahre alt. Ziele der Gruppentherapie sind Stabilisierung, Ressourcenaktivierung und Begleitung auf dem auf dem Weg zur Gruppenfähigkeit. Es wird ein Konzept aufgezeigt, wie mit Hilfe von konkreten Zielen in der KBT-Arbeit das vorgegebene, umfassende Ziel der Gruppenfähigkeit umgesetzt werden kann.

Diese Ziele sind:
1. Ermöglichung neuer Beziehungserfahrungen
2. Unterstützung der Kinder/Jugendlichen, ihren Körper trotz der Traumatisierung als Ressource zu erfahren (neue Körpererfahrungen)
3. Förderung der Selbst-/Affektregulation und Empathiefähigkeit der Kinder
4. Stärkung der Kinder in ihrer Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit
5. Umgang mit schwierigem grenzverletzendem, aggressivem Verhalten

Entscheidend hierfür ist die Schaffung eines sicheren, strukturierten Rahmens durch den schrittweisen Aufbau des Therapieprozesses und die Erfahrung einer sicheren Bindung in der therapeutischen Beziehung.

Sehen Sie hier eine Einführung in die Arbeitsweise der Konzentrativen Bewegungstherapie