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10.11.2005
„Der Mensch ist auf gute zwischenmenschliche
Beziehungen geeicht“
Der Deutsche Arbeitskreis für
Konzentrative Bewegungstherapie (DAKBT) lud zum Thema
„Was bewegt die KBT im Kopf?“ zur internationalen
Tagung nach Bonn
Der Mensch ist sich in vielem noch immer ein Rätsel.
Dass Zuwendung beim Menschen Glück auslösen
kann weiß jeder, der schon einmal Mutter und Säugling
beim Schäkern zugesehen hat. Dass aber Babys, die
man im ¾-Takt wiegt, später nachweisbar am
liebsten Musik hören, die im ¾-Takt erklingt
– diese Erkenntnisse liefert die Wissenschaft. Doch
es geht auch naturwissenschaftlich präzise: Neue
Technik bei der Bildgebung lässt detaillierte Einblicke
ins Gehirn zu und revolutioniert das Wissen über
die biologischen Spuren unseres Erlebens. Und selbst in
das Wechselspiel der Gene bei so schwer Fassbarem wie
der Zuwendung der Mutter zu ihrem Kind gibt es neueste,
bisher ungeahnte Einblicke.
In Bezug auf therapeutische Verfahren wird empirische
Forschung seit langem betrieben. Bei der psychotherapeutischen
Gesprächstherapie ist dies so, und auch die Konzentrative
Bewegungstherapie (KBT) ist gut erforscht – im Sinne
von „Vorher-Nachher“-Studien. Doch im Zeitalter
von Hirn- und Genforschung steigt die Erwartung allgegenwärtig,
Nachweise der Wirksamkeit auch auf der „harten“
Faktenebene der Naturwissenschaften zu erbringen.
Prof. Dr. med. Joachim Bauer
ist in beiden Welten zu Hause, in der Wissenschaft ebenso
wie in der therapeutischen Praxis am Universitätsklinikum
Freiburg. Der lockenköpfige Zwei-Meter-Mann ist so
etwas wie ein Star in der Szene: Sein jüngstes Buch
„Warum ich fühle, was du fühlst“
hat sich zum Bestseller entwickelt. Dass er nicht nur
im Elfenbeinturm der Wissenschaft lebt, verdeutlicht Bauer
gleich zu Beginn seines Gastvortrags auf der Jahrestagung:
„Ohne die KBT könnten die psychosomatischen
Kliniken in Deutschland zumachen“, ist seine Meinung.
In weltweit einmaliger Dichte von psychosomatischen Kliniken
werden hierzulande Menschen mit oft sehr diffusen Krankheitsbildern
im geschützten Raum therapiert: Lehrer mit „Burn-out-Syndrom“
(knapp die Hälfte aller Lehrer werden krankheitsbedingt
frühpensioniert) beispielsweise werden dort rehabilitiert,
oder Menschen mit psychischen und körperlichen Beschwerden
aufgrund von Traumatisierungen wieder auf ein selbst bestimmtes
Leben vorbereitet.
Zwischenmenschliche Erfahrungen wirken
auf unser Erbgut
„Der Determinismus“, so formuliert Prof. Bauer
sehr direkt „wird in unserer Wissenschaftslandschaft
nach wie vor intensiv gepflegt. Erst langsam fließen
die Erkenntnisse der Neurobiologie der letzten 15 Jahre
in die Betrachtungsweise der Humanforscher ein.“
Der Beginn des Zweifels liege in den 80er Jahren, als
die kalifornischen Forscher Renner und Rosenzweig biologisch
identische Labortiere einmal in „anregender Umgebung“
und einmal in „nicht anregender Umgebung“
hielten. Damals erstaunlich war die Erkenntnis, dass sich
die Gehirne der Tiere am Ende stark unterschieden. Sozial
aktive Tiere wiesen mehr große Schaltneurone auf,
die Vernetzung war intensiver, die kortikale Synapsendichte
und vor allem insgesamt das neuropsychologische Leistungsniveau
waren gegenüber den isolierten Vergleichstieren wesentlich
höher. Die biologische Basis für diese Phänomene
liegt in der Tatsache, dass Gene auf Umweltreize reagieren
können.. So bestehen Gene nicht nur aus einem kodierenden
Bereich, aus dem die Zelle – in Form von RNA - ihre
„Befehle“ entgegennimmt. Der kodierende Bereich
ist für die Frage „krank“ oder „gesund“
in den allermeisten Fällen unbedeutend, denn nur
ein bis zwei Prozent der Krankheiten – dies sind
die echten Erbkrankheiten - haben Fehler im kodierenden
Bereich als Ursache. Wesentlich entscheidender für
den Gesundheitszustand sind die genetischen Vorschaltsequenzen,
die „Promoter“. Sie bieten Bindungsstellen
für Signalstoffe von außen. Die „Transkriptionsfaktoren“
docken an den Promotern an und regulieren die Ableseaktivitäten
im kodierenden Bereich, ähnlich wie man mit einem
Dimmer die Helligkeit einer Lampe regulieren kann.
Umweltsignale, die dazu führen, dass bei einem Gen
zu viel oder zu wenig abgelesen wird, können krankhafte
Reaktionen des Körpers zur Folge haben: Bluthochdruck,
Diabetes und andere schwerwiegende Krankheiten sind auf
„falsch gedimmte“ Ableseaktivitäten der
Gene zurückzuführen.
Transkriptionsfaktoren werden beispielsweise mobilisiert
durch: Stoffliche Signale (z.B. Nahrung), nicht stoffliche
Signale (z.B. Strahlung) und insbesondere durch psychisches
Wahrnehmen und Verhalten. Letzteres führt zu einer
Ausschüttung biologischer Signalstoffe im Gehirn,
von denen dann Signalketten bis zu den Genen in Gang gesetzt
werden. Zugespitzt formuliert bedeutet dies: Jede Situation,
die wir erleben mündet unmittelbar in einem spezifischen
Mix von Botenstoffen, die wiederum Signale auslösen.
Ein schockartiges Erlebnis z. B. löst eine ganze
Botenstoff-Kaskade aus, so dass innerhalb von wenigen
Minuten das Stressgen CRH um das 100-fache stärker
abgelesen wird als im Ruhezustand. Das seelische Erleben
hat demnach direkten Einfluss auf die Genreaktion. Bei
Tieren, die als Neugeborene wenig Zuwendung erhielten,
zeigt sich eine dauerhaft erhöhte Ablese-Bereitschaft
des CRH-Gens, diese Tiere reagieren also lebenslang mit
einer erhöhten Bereitschaft zu Angst und Panik. Dies
ist ein direkter wissenschaftlicher Nachweis für
biochemisches Erinnern von seelischem Erleben, wie Prof.
Bauer unterstreicht, „das ist die neurobiologische
und biochemische Basis, auf der die Psychosomatik steht.“
Es wurde sogar erforscht, wodurch die dauerhaft erhöhte
Ablese- Bereitschaft verursacht ist: Mütterliche
Zuwendung in der Neugeborenenphase führt dazu, dass
bei einem Kontroll-Gen der biologischen Stressantwort
Methylgruppen beseitigt werden, die dieses Gen „einhüllen“
und sein Ablesen verringern. Durch die Beseitigung der
Methylgruppen – als Folge der mütterlichen
Zuwendung – dämpft das Kontrollgen lebenslang
die Bereitschaft des Organismus, in biologischen Stress
zu geraten.
Gene sind keine Autisten
Prof. Bauer resümiert den aktuellen Stand der Neurobiologischen
Forschung in drei Punkten
# Gene sind keine „Autisten“. Sie unterliegen
vielmehr einer Regulation durch Signale. Beziehungserfahrungen
haben Einfluss auf die Genregulation.
# Frühe biographische Beziehungserfahrungen können
die Sensibilität neurobiologischer Reaktionssysteme
verstellen. (Neueste Erkenntnisse weisen auf eine Neujustierung
in der Pubertät hin)
# Mikrostrukturen des Gehirns verändern sich lebenslang,
abhängig von dem, was wir erleben und tun („use-dependent
plasticy“)
Der Mensch, so lautet die grundpositive Botschaft der
Hirnforschung laut Bauer, „der Mensch ist auf gute
zwischenmenschliche Beziehungen geeicht.“
An diesem Punkt begegnen sich KBT und die Neurobiologie.
Jede Labormaus hätte ihre wahre Freude in der anregenden
Umgebung eines KBT Raumes, mit der Vielfalt an Objekten
und Gegenständen. Mit deren Hilfe werden Beziehungen
körperlich erfahrbar und handelnd gestaltet. Derartige
korrigierende Beziehungserfahrung stärkt die Kompetenz
im Umgang mit sich und der Welt – sie werden durch
die Veränderungen der Mikrostrukturen unseres Gehirns
zur biologischen Wirklichkeit.
Belohnungssysteme streben nach Glück
und Wohlbefinden
Längst ist bekannt, dass spezialisierte Regionen
im Gehirn Glücksbotenstoffe ausschütten. Dieser
Mechanismus hat die Wirkung eines Belohnungssystems.
Wenn allerdings von „Belohnung“ keine Rede
sein kann - beispielsweise dann, wenn soziale Ausschlusssituationen
als „schmerzlich“ empfunden werden - dann
gibt es auch für diese Erfahrung einen neurobiologischen
Beweis: Zwischenmenschlich Peinvolles wird im Gehirn tatsächlich
auch dort verarbeitet, wo Schmerzen empfunden werden.
Prof. Bauer erforschte in Freiburg die Faktoren bei chronischem
psychosomatischem Schmerz. Dafür können als
akute Auslöser Konflikte oder Störungen in zwischenmenschlichen
Beziehungen verantwortlich sein. Als länger zurückreichende
Ursache chronischer psychosomatischer Schmerzen gelten
aber laut Prof. Bauer insbesondere frühere reale
Schmerzerfahrungen oder frühe Erfahrungen von Schmerzen
bei Anderen. In einer in Freiburg durchgeführten
Studie fand Bauer, dass Patienten mit chronischen psychosomatischen
Schmerzen eine signifikant höhere biografische Belastung
mit „realen“ Schmerzerfahrungen haben. Dies
passt zu Hinweisen auf ein so genanntes „Schmerzgedächtnis“,
wie es von den Hirnforschern Nils Birbaumer und Herta
Flor beschrieben wurde: Reale Schmerzen hinterlassen im
Cortex plastische Veränderungen.
Spiegelneurone lassen uns nachempfinden
Mit der Feststellung, dass Schmerzen nicht nur ihre Wirkung
entfalten, wenn sie am eigenen Leibe erlitten werden,
sondern auch dann, wenn es nahe stehende Menschen betrifft,
spricht Prof. Bauer einen weiteren Themenkreis an: Die
Spiegelneurone. Dies sind Nervenzellen, die einerseits
– so wie normale Nervenzellen – eigenes Handeln
oder Fühlen steuern, die andererseits aber auch dann
mit-reagieren, wenn das betreffende Handeln oder Fühlen
bei einem anderen Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung
beobachtet wird. Rund 15 Prozent unserer Nervenzellen
sind Spiegelneurone und haben neben ihrer „normalen“
Funktion als Handlungs-, Empfindungs- oder Gefühlsneurone
auch die Fähigkeit, Wahrnehmungen an anderen Menschen
und Geschehnissen mit eigenen Erfahrungen abzugleichen
und so zu verarbeiten, als hätte man die Erfahrung
selbst gemacht. Dies führt dazu, dass ein Angehöriger
beispielsweise den Pieks einer Spritze beim geliebten
Kind richtiggehend selbst spürt. Auch komplexe Phänomene
wie das „Sich-Hineinversetzen-Können“
eines Therapeuten in einen Patienten sind als Resonanzphänomene
zu verstehen. Sie sind erst aufgrund neuartiger Bild gebender
Verfahren nachweisbar.
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WORD - Nachbericht: Prof. Dr. Joachim Bauer 47 KB
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PDF - Nachbericht: Prof. Dr. Joachim Bauer 68 KB
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