11.10.2006

Wie Worte wirken:
Die Bedeutung von Sprache in der psychotherapeutischen KBT-Arbeit


Der Sprache kommt in jeder Therapiesituation eine besondere Bedeutung zu – sei es bei der verbalen Artikulation und Ausdrucksweise des Patienten, bei der sprachlichen Antwort und auch Anleitung durch den Therapeuten, oder durch den Nichtgebrauch der Sprache.

Die Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) arbeitet sowohl auf der verbalen als auch auf der nonverbalen Ebene, charakteristisch für die Therapieform ist der bewusste Ebenenwechsel.
In einer Therapiephase der KBT-Sitzung machen die Patienten Bewegungserfahrungen und konzentrieren sich auf die Wahrnehmung ihres eigenen Körpers. Ihr folgt ein sprachlicher Dialog, in dem der Patient von seinen Wahrnehmungen berichtet und der Therapeut über die weitere Gestaltung der Sitzung entscheiden kann.

Bedeutungsebenen der Sprache

Bei der Ausgestaltung des sprachlichen Vorgehens legt die KBT besonderen Wert auf die Wortwahl. Therapeuten greifen die Aussagen der Patienten auf einer bildlichen Ebene auf und versuchen ihrerseits, sich der gewählten Sprachebene und der angesprochenen Bilder anzuschließen.
Der Sprache kommt also bei der KBT-Arbeit vielschichtige Bedeutung zu:
1. Beim Anleiten durch den Therapeuten
2. Bei der Artikulation des Patienten
3. Im anschließenden Gruppengespräch und/oder Dialog

Zu 1:
Sprachliches Anleiten durch den Therapeuten


In der Anleitungsphase übernimmt der Therapeut das Sprechen. In Form von Tempo, Tonwahl und Rhythmus drückt er dabei stets seine Empathie gegenüber den Teilnehmern aus und begegnet ihnen mit großer und wertschätzender Aufmerksamkeit.
„Wenn Sie mögen, schließen Sie dabei die Augen... Wenn es für Sie stimmt... Wenn Sie bereit sind...stellen Sie sich allmählich darauf ein...“ Mit solchen Einwürfen kann der Therapeut die Entscheidungsfähigkeit und Autonomie der Patienten fördern.
Die konzentrative Einengung auf Prozesse der Selbstwahrnehmung wird durch den Vorschlag gefördert, einen Sinnesbereich auszuschließen (z.B. Augen schließen). Hilfreich für das intensive Erspüren und Differenzieren der Wahrnehmung ist außerdem der Vergleich zwischen rechts und links, vorher und nachher oder zwischen der Körperwahrnehmung allein und dem Einbeziehen von Partnern oder Objekten.

Zu 2:
Die Artikulation des Patienten


In der KBT lässt sich der Prozess des Verbalisierens verbinden mit verschiedenen Ebenen des nicht verbalen Ausdrucks. Dadurch werden Gefühle verstärkt und Assoziationen ausgelöst, die verbal noch schwer zu fassen sind:
Patienten bekommen die Möglichkeit, ihre Erfahrungen mit Gegenständen im Raum fassbar darzustellen. Bestimmte Gegenstände können dabei auch als Symbol für eine Gefühlssituation oder eine Bezugsperson gewählt werden.
Anschließend oder sogar während des Erlebens wird die Erfahrung verbalisiert – und es zeigt sich - oft abhängig von der Gruppe und dem Behandlungszeitpunkt -, wie individuell die Wahrnehmung ein- und derselben Situation ist.

Ein Beispiel aus der Praxis soll dies verdeutlichen:

Partnerarbeit mit größeren Bällen, bei der jeweils zwei Teilnehmer den Ball Rücken an Rücken zwischen sich halten und bewegen.
Nach der intensiven Erfahrung erfolgt das Gespräch zwischen den beiden Partnern. Es wird deutlich, wie verschieden, teils widersprüchlich die Wahrnehmung und deren Interpretation in derselben Phase war und wie notwendig der verbale Austausch zur Klärung subjektiver Interpretationen sein kann:
„Ich dachte, du wolltest weg von mir, der Druck ließ nach; ich wollte nicht so schwer auf dir lasten...das Weggehen fiel mir schwer, ich fühlte mich plötzlich so kalt und alleingelassen...“


Ein ganzes Spektrum von Beziehungserfahrungen wird lebendig, der verbale Austausch erweist sich als klärend, führt oft zum Erkennen eigener Sehnsüchte, Wünsche und Ängste. Es wird deutlich wie die Erfahrung im hier und jetzt dadurch gefärbt ist, ein klarer Blick macht neue Erfahrungen möglich.

Zu 3:
Gruppengespräch und Dialog


Das Gespräch erfordert vom Therapeuten ein zieloffenes, sensibles und präsentes Zuhören. Sein eigener verbaler Ausdruck orientiert sich präzise an den Äußerungen der Patienten und stößt bei ihnen eine wichtige Selbstreflexion an.
Treffsicherheit. Gleichzeitig ist es wichtig, dass er die beschriebenen subjektiven Erfahrungen des Patienten selbst nachempfinden kann.
So ist der sprachliche Ausdruck mehr als ein erworbenes Zeichen, sondern enthält eine eigene subjektive Erfahrungswelt.

Ein Beispiel aus der Praxis macht deutlich, zu welchen Ergebnissen ein therapeutischer Dialog führen kann:

Eine depressive Frau, Mutter von zwei Kindern in einem Geschäftshaushalt, klagt heftig über die Schwierigkeit, mit ihren täglichen Aufgaben fertig zu werden. Sie käme nicht weiter, es sei als renne sie ständig im Kreis... sie sagt dies so dahin, hoffnungslos und resigniert. Bereitwillig nimmt sie den Vorschlag auf, im Raum einmal wirklich „im Kreis zu rennen“. Sie tut dies einige Male, schneller, hält dann betroffen inne und sagt: „Ich komm ja ganz außer Atem, kann nur noch auf meine Füße schauen, oder ich verrenne mich!“
Sie entdeckt dann selber Alternativen: stoppen, aufblicken, den Kopf heben...ein erster Schritt in eine andere Richtung!