Bibliographische
Angabe
Kehde, S. (1994). Evaluation von Konzentrativer Bewegungstherapie
in Selbsterfahrungsgruppen. Unveröff. Dipl.Arbeit,
Universität Bielefeld.
Fragestellung / Hypothesen
Es werden keine Hypothesen explizit ausformuliert. Im
wesentlichen erfolgt eine Überprüfung folgender
Fragestellungen: (1) Führen KBT-Selbsterfahrungsgruppen,
die über ein Wochenende und weitere neun andert-halbstündige
Termine gingen, zu einer Verbesserung des Körper-
und Selbsterlebens? (2) Hängen diese Veränderungen
mit Setting- (Therapeutenpaar oder einzelner Therapeut)
oder Personen-Merkmalen (Geschlecht, Erwartungen) zusammen?
(3) Welche Merkmale des Selbst- und Körpererlebens
sind von prognostischer Bedeutung? (4) Wie stellt sich
der Verlauf des Gruppenerlebens dar? (5) Besteht ein Zusammenhang
von Gruppen-erleben und Veränderungen im Körper-
und Selbsterleben? (6) Inwiefern hängen Merkmale
des Selbst- und Körpererlebens sowie der Motivation
mit dem Gruppenerleben zusammen?
Stichprobe
65 Psychologie-Studenten, von denen 47 (davon 62% Frauen)
an jeweils einer von fünf KBT-Selbsterfahrungsgruppen
teilnahmen. 18 von ihnen bildeten zunächst mit weiteren
18 Personen die Wartekontrollgruppe. Erfahrungen in Psychotherapie
oder Körpertherapie haben 72% bzw. 19% von ihnen;
22% befanden sich während des Zeitraums der Selbsterfah-rungsgruppe
auch in psychotherapeutischer Behandlung. Für die
einen Teil der statistischen Berechnungen erfolgte eine
nachträgliche Parallelisierung der Stichprobe anhand
der Werte im Freiburger Persönlichkeitsinventar,
so das die KBT- und die Wartekontrollgruppe aus jeweils
28 Probanden bestand. Zwei der KBT-Gruppen wurden von
einem Therapeutenpaar geleitet; beide Therapeuten befanden
sich in der KBT-Weiterbildung.
Untersuchungsdesign
Experimentelles Wartekontrollgruppen-Design mit randominiserter
Zuweisung und Prä-Post-Messung sowie Verlaufserhebung.
Datenerhebungsverfahren
Prä-Post-Messung: Freiburger Persönlichkeitsinventar
(FPI-A1; Fahrenberg, Selg &
Hampel, 1978), Selbstaktualisierungsskalen (SAS; Bottenberg
& Keller, 1975), Kieler Änderungssensitive
Symptomliste (KASSL; Zielke,
1979), Gießener Beschwerdebogen (GBB; Brähler
& Scheer, 1983), Körpererfahrungsbogen (KEF;
Paulus, 1982) und Multidimensionales
Inven-tar zur Körpererfahrung (MIK;
Gierling & Weinrich, 1992). Die beiden Fragebögen
zur Körperer-fahrung kamen jeweils nur bei einem
Teil der untersuchten Personen zur Anwendung. Prä-Messung:
Neu konstruierter Erwartungsfragebogen. Post-Messung:
Veränderungsfragebogen des Erlebens und Verhaltens
(VEV; Zielke & Kopf-Mehnert,
1978). Verlaufserhebung: Gruppenerfahrungsbogen für
die KBT (GEB-KBT; Seidler, 1995)
nach jedem Grup-pentermin.
Datenauswertungsverfahren
Deskriptiv- und inferenzstatistische Auswertung.
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Ergebnis
(ad 1) Für die Teilnehmer der KBT-Selbst-erfahrungsgruppe
ergeben sich im Vergleich zu den Probanden der Wartekontrollgruppe
eine erhöhte “spontane Aggressivität”
(FPI) und “Maskulinität” (FPI) im Sinne
von Selbstbehauptung sowie verminderte “Berufsschwierigkeiten”
(KASSL) im Sinne von Versagensängsten. Die Prä-
und Post-Werte für “spontane Aggressivität”
und “Maskulinität” liegen im Normbereich
der Eichstichprobe des FPI. Für den VEV, GBB, MIK,
KEF und SAS lassen sich, zum Teil auch aufgrund signifikanter
Unterschiede zwischen Kontroll- und KBT-Gruppe in den
Prä-Werten, keine Effekte der KBT nachweisen. (ad
2) Hinsichtlich der Depressivität (FPI), der sozialen
Kontaktstörung und Symptombelastung (KASSL), der
Selbst- und Weltsicht und dem positiven Realitätsbezug
(SAS) sowie dem Bemühen um körperliche Fitness
und Leistungsfähigkeit (MIK) ergeben sich geschlechtsbezogene
und Setting-Effekte. Demnach profitieren die männlichen
Teil-nehmer von der KBT-Gruppe mehr, wenn diese nur von
einem (männlichen) Therapeuten geführt wird;
es zeigen sich bei ihnen zum Teil Verschlechterungen,
wenn die Gruppe von einem (gegengeschlechtlichen) Thera-peutenpaar
geführt wird. Frauen hingegen profitieren insbesondere
von KBT-Gruppen, wenn diese von einem (gegengeschlechtlichen)
Therapeu-tenpaar geleitet wird, weisen aber auch unter
einem (männlichen) Therapeuten - abgesehen vom Bereich
Depressivität - Verbesserungen auf. Die Interpretation
dieser Ergebnisse ist dadurch erschwert, dass sich die
Männer in den meisten dieser Bereiche (Depressivität,
Berufsschwierigkeiten, Symptombelastung, positiver Realitätsbezug
und Bemühen um körperliche Fitness und Leistungsfähigkeit)
in den Prä-Werten gegenüber den Frauen als deutlich
beein-trächtigter darstellen. Außerdem haben
sie regelmäßiger an der Selbsterfahrungsgruppe
teil-genommen. Hinsichtlich der Motivation zur Teilnahme
an der Selbsterfahrungsgruppe lassen sich im Erwartungsfragebogen
die zwei Dimensionen “Interesse an Selbsterfahrung”
und “theoretisches/berufspraktisches Interesse”
unterscheiden. Ein Einfluss der Motivation auf die Teilnahmehäufigkeit
besteht nicht. Hinsichtlich der Wirkung der KBT-Gruppe
zeigt sich kein einheitlicher Einfluss der Motivation.
So schlägt sich bei männlichen Teilnehmern ein
geringes Interesse an der Methode der KBT in eine Verringerung
der Hemmung des körperlichen Ausdrucks (MIK), der
Konzentrations- und Leistungsstörungen (KASSL) und
Depressivität (FPI) nieder. Ein verstärktes
Interesse an intensiver Selbsterfahrung hängt hingegen
bei allen Teilnehmern mit einem erhöhten Veränderungserleben
(VEV) zusammen. (ad 3) Diskrimationsanalytisch zeigt sich,
dass sich Teilnehmer mit einem negativen Veränderungs-erleben
(VEV) in ihren Prä-Werten von Teilnehmern mit positivem
Veränderungs-erleben durch stärkere Magenbeschwerden
(GBB) und Erregbarkeit (FPI) unterscheiden. Letztere weisen
gegenüber Teilnehmern mit negativem oder keinem Veränderungserleben
zudem mehr änderungssensitive Symptome (KASSL) auf.
(ad 4) Hinsichtlich der Skalen “Optimismus und körperliches
Wohlbefinden” und “Zugang zu körperlichem
Erleben und eigenen Empfindungen” (GEB-KBT) sind
keine Veränderungen im zeitlichen Verlauf oder Effekte
von Geschlecht und Gruppe festzustellen; dabei besteht
von Anfang an ein recht hohes Niveau bezüglich des
Zugangs zum körperlichen Erleben. Die Werte auf der
Skala “Unzufriedenheit mit TherapeutIn und Gruppe”
fallen in den beiden im zeitlichen Ablauf ersten KBT-Gruppen
niedriger aus als in den darauffolgenden beiden Gruppen.
Die Analyse der Effekte bei einzelnen Items des GEB-KBT
zeigt, dass die mittlere Phase jeweils unbehaglicher erlebt
wurde als die Anfangs- und Endphase. Einzelne Gruppenstunden,
die als besonders positiv oder negativ erlebt werden,
schlagen sich atmosphärisch auch auf die folgenden
Stunden nieder. (ad 5) Teilnehmer mit einem positiven
Veränderungserleben (VEV) zum Ende der Selbsterfahrungsgruppe
haben in deren Verlauf einen deutlicheren Zugang zum körperlichen
Erleben und den eigenen Empfindungen (GEB-KBT) als Teilnehmer
mit keinem bzw. negativem Veränderungserleben. Ein
erhöhter Zugang zum körperlichen Erleben geht
einher mit verstärkten Magenbeschwerden (GBB) und
einer geringeren Empfindlichkeit für negative innere
körperliche Signale (MIK) nach Beendigung der Selbsterfahrungsgruppe.
(ad 6) Auf Skalenebene besteht kein Zusammenhang von Motivation
(Erwartungsfragebogen) und Gruppenerleben (GEB-KBT). Je
stärker Geselligkeit (FPI) sowie Selbst- und Welt-bejahung
(SAS) und je geringer Gehemmtheit (FPI) und Erschöpfungsneigung
(GBB) vor Beginn der Selbsterfahrungsgruppe ausgeprägt
sind, desto mehr erleben Teilnehmer in der KBT-Gruppe
Optimismus und körperliches Wohlbefinden (GEB-KBT).
Eine erhöhte reaktive Aggressivität (FPI) geht
mit erhöhter Unzufriedenheit mit den Therapeuten
und der Gruppe (GEB-KBT) einher. Je geringer Selbst-kritik
und Offenheit (FPI) sowie Magen-beschwerden (GBB) und
je höher Selbst- und Weltbejahung (SAS) ausfallen,
desto mehr berichten die Teilnehmer über einen deutlichen
Zugang zum körperlichen Erleben (GEB-KBT).
Anmerkung
Die Ergebnisse zum GEB-KBT werden u.a. so interpretiert,
dass Unterschiede im Gruppener-leben zwischen den Teilnehmern
vor allem spezifische Erfahrungen in den jeweiligen Grup-pen
sowie Persönlichkeitsmerkmale widerspiegeln und weniger
in Hinblick auf das Profitieren von der Gruppe von Bedeutung
sind. Trotz ähnlicher bzw. identischer Benennung
sind die hier verwendeten Skalen des GEB-KBT nicht mit
denen identisch, die Seidler (1995) publiziert hat, da
hier eine andere Faktorenlösung herangezogen wurde.
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