Bibliographische
Angabe
Baumann, J. (1994). Körperbezogene Gruppenpsychotherapie
in der 2. Lebenshälfte. Psycho-therapie, Psychosomatik,
Medizinische Psychologie, 44, 337-345.
Fragestellung / Hypothesen
Vorgestellt wird ein mehrdimensionales stationäres
psychosomatisches Therapiekonzept für Patienten in
der zweiten Lebenshälfte. Körperbezogene Gruppentherapie,
die ihre Grundelemente aus der KBT bezieht, analytisch
orientierte Gestaltungstherapie und körpertrainierende
Maßnahmen sind wesentliche therapeutische Angebote.
Folgende Fragestellungen werden u.a. untersucht: (1) Hat
die Psychotherapiemotivation und die von Patienten erlebte
Qualität der Patient-Therapeut-Beziehung einen Einfluss
darauf, wie unterschiedliche therapeutische Angebote in
ihrer Wertigkeit von den Patienten eingeschätzt werden?
(2) Fällt der Zusammenhang von subjektivem Veränderungserleben
bezüglich verschiedener psychophysischer Parameter
und positiver Resonanz auf ein therapeutisches Angebot
für die einzelnen therapeutischen Angebote unterschiedlich
aus? (3) Lassen sich für den Zusammenhang von subjektivem
Veränderungserleben und positiver Resonanz auf ein
therapeutisches Angebot Geschlechtsunterschiede nachweisen?
Stichprobe
600 Patienten (59,5% Frauen) einer psychosomatischen
Klinik, im Alter von 45 bis 65 Jahren und mit einer
Behandlungszeit von sechs bis zwölf Wochen.
Untersuchungsdesign
Naturalistische klinische Studie mit Messung zum Zeitpunkt
der Entlassung.
Datenerhebungsverfahren
Fragebogen mit Patientenstellungnahmen dazu, wie die
einzelnen therapeutische Angebote erlebt wurden (mit
nachträglicher Skalierung hinsichtlich der Qualität
der Bewertung), sowie Einschätzung durch den Patienten,
inwiefern sich verschiedene psychophysische Parameter,
wie z.B. körperliche Beschwerden und Selbstakzeptanz,
verändert haben und Beurteilung der Therapiemotivation
auf einer Skala durch den Therapeuten.
Datenauswertungsverfahren
Deskriptiv- und inferenzstatistische Auswertung.
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Ergebnis
Die körperorientierte Gruppenpsychotherapie wird
von weniger Patienten (26.5%) hoch bewertet, als körpertrainierende
Maßnahmen (32.8%) und analytisch orientierte Gestaltungstherapie
(38%). Therapiemotivation und Qualität der therapeutischen
Beziehung haben einen Einfluss auf die Einschätzung
der therapeutischen Angebote: Bei vorhandener Therapiemotivation
und positiv bewerteter Patient-Therapeut-Beziehung zeigen
92.4% der Patienten eine mittlere bis hohe Resonanz auf
die körperorientierte Gruppenpsychotherapie. Nur
für dieses therapeutische Angebot zeigte sich auch
ein hoch signifikanter Zusammenhang von Bewertung des
therapeutischen Angebots durch den Patienten mit dem Veränderungserleben
bezüglich der Merkmale “Vertrauen zu anderen”
und “Altersbildkorrektur”. Bei Frauen geht
ein positives Erleben der körperorientierten Gruppenpsychotherapie
einher mit einer verbesserten Einsicht in psychosomatische
Zusammenhänge ohne dass die körperlichen Beschwerden
sich verändern. Für die Männer hingegen
steht das positive Erleben körperorientierter Gruppenpsychotherapie
in einen Zusammenhang mit geringeren körperlichen
Beschwerden, aber nicht mit gewonnener Einsicht in psychosomatische
Zusammenhänge.
Anmerkung
Die gefundenen Ergebnisse zu den Geschlechtsunterschiedenen
werden als geschlechtsspezifische Reaktion auf die zunächst
häufig eher labilisierende Wirkung der körperorientierten
Gruppenpsychotherapie interpretiert. Demnach zeigen Männer
aufgrund ihrer Erziehungsideale initial einen größeren
Widerstand gegenüber körperbezogener Therapie.
Die durch die körpertrainierenden Maßnahmen
erreichten körperlichen Beschwerdebesserungen werden
vermutlich bei ihnen über die Abwehr von Körpererfahrungen
weniger destabilisiert als bei den Frauen, die eine größere
Offenheit für gefühlhaftes und leibliches Empfinden
haben und von daher ein größeres Spektrum psychosomatischer
Zusammenhänge für sich erfahren.
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